„Wein wirkt heilend und macht lustig, wenn er nicht über die Maßen genossen wird.“ Schon Hildegard von Bingen (um 1098 bis 1179) erkannte den gesundheitsfördernden Charakter des Rebensaftes und auch seine positive Wirkung auf die Psyche. Doch Wein genießt nicht erst seit dem Mittelalter große Bedeutung. Er zählt schon seit Jahrtausenden zu den edelsten und kostbarsten Getränken. Auch in der Religion spielt er eine große Rolle, nicht nur als Messwein. Wein, Weinbau und Weinherstellung dienen auch als vielseitige und häufig verwendete Symbole in der Bibel und in der sakralen Kunst.
Gabriele Socher-Schulz nahm die Teilnehmer einer biblischen Weinprobe mit auf einen Streifzug durch die Jahrtausende alte Kultur- und Religionsgeschichte. Weingenuss und Wissen rund um die Geschichte des Weines von der vorchristlichen Zeit bis in die Gegenwart erwartete die Besucher im Haus Walburga. Veranstalter war die katholische Erwachsenenbildung zusammen mit der katholischen Frauengemeinschaft Deutschland (kfd) Büdingen. Damit der Abend rund um das Thema Wein nicht nur theoretisch blieb, hatte Socher-Schulz sechs verschiedene Weine zum Verkosten mitgebracht. Alle hatten eines gemeinsam: Die Namen der Lagen oder Rebsorten hatte mit Kirche und Religion zu tun. Einer der Weine war ein koscherer aus dem Ursprungsland der Bibel, Galiläa (Israel).
„Ich bin mit Wein groß geworden“, stellte sich die Wiesbadenerin vor. Ihre Eltern hatten ein Weingut, die Tochter wurde Winzermeisterin und Weinbautechnikerin. Später absolvierte sie zusätzlich ein Fernstudium Katholische Theologie. Eine Fachfrau also, die sich sowohl mit Wein wie auch mit der Bibel bestens auskennt und die ihr Wissen unterhaltsam und mit humorvollen Beiträgen gespickt dem Publikum näher brachte und auf die vielen Fragen detailliert einging.
In der Bibel gebe es bis zu 300 Textstellen, in denen Wein oder Weinbau erwähnt wird, erklärte Socher-Schulz. Alle 300 wurden an diesem Abend nicht vorgetragen, aber in den zahlreichen von Karin Schneider und Thomas Clemente vorgelesenen Zitaten zeigte sich, welche große Bedeutung der Weinbau in der Heiligen Schrift hatte. Wein und Weinherstellung gehörten zum Alltagsleben der Menschen im heutigen Israel. Deshalb verstanden die Menschen in biblischer Zeit auch die Symbolik in den Texten des Alten und Neuen Testamentes, die sich den heute Lebenden oft nicht ohne weiteres erschließt. Bevor die Referentin die Symbolik in der Bibel erklärte und zahlreiche Beispiele sakraler Kunst in Zusammenhang mit Wein zeigte, ging sie auf die Herstellung ein.
Das Keltern von Reben ist seit 8000 vor Christus nachgewiesen. Die Sumerer schrieben Anbau- und Weinherstellungsmethoden auf Tontafeln. Auch in den heißen Regionen des Nahen Ostens wanden sich die Reben um Bäume oder wuchsen entlang des Bodens. Zur Verbreitung des Weinanbaus in Europa trugen wesentlich die Klöster bei. So war in Deutschland der Weinbau im Mittelalter bis in den hohen Norden verbreitet. Die Mönche gaben ihr Knowhow an die Winzer weiter. „Im Spätmittelalter gab es etwa an die fünf Mal mehr Weinanbaufläche als heute“, führte Socher-Schulz aus. Allerdings war der Ertrag damals auch geringer als heute, räumte die Referentin ein.
Zur Symbolik erklärte Socher-Schulz, dass Wein als Gabe Gottes, häufig sogar als Symbol für Leben schlechthin angesehen wurde. Im Wein stelle sich die Beziehung Gottes zu den Menschen dar, etwa im Bild des Weinstockes und seiner Reben in den Evangelien. So wie neuer Wein gäre, sei auch die Botschaft Christi explosiv, erläuterte die Referentin am Beispiel der Bibelstelle vom neuen Wein, der nicht in alte Schläuche gehört. Die Kelter ist aber auch ein Zeichen für das Leiden. In der religiösen Kunst wird Jesus häufig in der Kelter gezeigt. Damit wird dargestellt, dass er von den Menschen ausgepresst wird, sein Blut für die Menschen opfert.
„Wein ist ein Genuss für alle Sinne“, erklärte Socher-Schulz. Schon das Klirren von Gläsern wecke Freude auf den Genuss, das Auge erkenne die Farbe, die bei jedem Wein anders ist. Besonders wichtig ist die Nase. Sie kann viele Geruchsnuancen unterscheiden. Die Zunge dagegen, so die Referentin, werde oft überschätzt, auch wenn sie viele Geschmacksknospen enthält. Ohne die Nase würden diese aber kaum wahrgenommen. Schlürfen sei beim Weinverkosten ausdrücklich erlaubt. Durch das Einziehen von Luft wird der Wein im Mund verwirbelt, die Aromen breiten sich besser aus. „Und ich trinke immer einfach so Wein“, stellte eine Besucherin während der eindrucksvollen Ausführungen und Hinweisen der Referentin ein wenig fassungslos fest.
Quelle: www.gelnhaeuser-tageblatt.de
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